Kleine Geschichte der schwäbischer Jugendgemeinden

 

Junge Gemeinden in Würtemberg

Rückblick - Einblicke - Beobachtungen

geschrieben von Reinhold Krebs

 

Wie kam es zu „Jungen Gemeinden“ in der Evangelischen Jugendarbeit in Württemberg ab der Jahrtausend-Wende? Eine spannende Frage. Noch fehlt uns der geschichtliche Abstand und wir können nur subjektive Antworten darauf versuchen.

Und doch ist deutlich, dass die Jugendgottesdienst-Bewegung, die ab den 1990er Jahren bundesweit Kreise zog, hier an vielen Stellen den Weg bereitete. Mit Händen zu greifen war diese Bewegung vielleicht zum ersten Mal beim Christival 1996 in Dresden. Hier gab es plötzlich, ausgerechnet bei einem Event christlicher Jugendverbände, nicht nur Bibelarbeiten, sondern ein eigenes Zeitfenster für Jugendgottesdienste.

Das war neu. Denn das Thema Gottesdienst war geschichtlich immer klar mit Großkirchen und Freikirchen, mit dem Sonntagmorgen verknüpft. Dagegen war Andacht, Bibelarbeit und Bibelgespräch das geistliche Einmaleins in der Jugendarbeit. Warum hatten jetzt plötzlich Jugendgottesdienste unter jungen Menschen Hochkonjunktur?

 

Jugendgottesdienst-Bewegung seit den 1990er Jahren

Vielleicht lag es daran, dass die Jesusfreaks ein paar Jahre zuvor in Hamburg gestartet waren und eine „coole“ Gemeindeversion vorlebten. Oder war es ein gesellschaftlicher Trend, dass jetzt eher das Erlebnis zählte, nicht zur das Reden über den Glauben? Viele redeten von der Erlebnisgesellschaft (vgl. Schulze 1992) – und bloßes Bibellesen war einfach zu erlebnisarm? Sicherlich beeinflusste auch Willow Creek die deutsche fromme Szene schon vor der Jahrtausend-Wende. Gottesdienst, das war nicht mehr dem „harten Gemeindekern“ vorbehalten. Zu „Gäste-Gottesdiensten“ (seeker services) wurden jetzt auch Distanzierte eingeladen. Und diese neuen Gottesdienst-Formen brachten viel Freiheit mit, sie klebten nicht länger an der bisherigen Liturgie. Mit Theaterstücken und moderner Musik sollten auch kirchlich Distanzierte angesprochen werden.

Natürlich gab es weiter die Kurzandachten und engagiertes Reden und Diskutieren über biblische Texte bei einer Bibelarbeit. Aber jetzt gewann das geistliche Erlebnis, die „Feier des Glaubens“, weit mehr an Boden in der Evangelischen Jugendarbeit.

 

Neue Formen von Singen und Beten

Auch das Liedgut wechselte. Worship-Songs aus charismatischen Bewegungen wurden mehr und mehr zum Mainstream in der christlichen Jugendarbeit und in vielen evangelischen Gemeindehäuser setzten sich die „Feiert Jesus“-Liederbücher durch.

Singen und Beten ging ineinander über und eine Anbetungs- oder Worship-Zeit etablierte sich auch in vielen neuen Jugendgottesdiensten. Manche übernahmen von der Thomas-Messe die Idee einer offenen Phase mitten im Gottesdienst. Dann pausiert das Programm von vorne und es finden verschiedene kreative Gebetstationen zeitlich parallel statt, verteilt über den Raum.

Der Powerday, der seit 2002 vom Evangelischen Jugendwerk in Württemberg und der Evangelischen Missionsschule Unterweissach veranstaltet wird, setzte als Impulstag für Jugo-Teams Akzente. Bis heute kommen jährlich rund 500 Ehrenamtliche, auch viele Jüngere, zu diesem Seminartag. Jahrelang endete der Tag mit einem großen Jugendgottesdienst, zu dem auch eine halbstündige offene Phase mit vielen Gebetsstationen gehörte.
1993 fand zudem das erste bezirksweite Konficamp in Württemberg statt. Getragen von der Begeisterungswelle dieser Konficamps entstanden zum Teil große bezirksweite Jugendgottesdienste, die oft Hunderte von Jugendlichen anzogen.

 

Jugendkultur ist Musikkultur

Musik spielte schon immer im Jugendalter eine dominierende Rolle. Jugendkultur ist immer auch Musikkultur. Kein Wunder, dass Jugendgottesdienste und Junge Gemeinden meist eng verknüpft sind mit dem Entstehen einer eigenen Band.

Im Vergleich mit dem „normalen“ Gottesdienst verschiebt sich bei Jugendgottesdiensten, was durchwechselt und variabel ist und was als fixer Ankerpunkt gilt. Im Gemeindegottesdienst ist in der Regel die Predigt gesetzt und verankert. Das wird im Kanzelrecht der örtlichen Pfarrerin oder des Pfarrers deutlich. Dagegen kann die musikalische Gestaltung, von der Orgel mal abgesehen, variieren. Sie kann durch Kirchen- oder Posaunenchor oder einzelne Instrumentalisten bereichert werden.

Anders bei Jugendgottesdiensten. Nicht die Predigenden, sondern die Musiker sind - in der Sprache von Clubs und Discos - "resident“. Sie geben dem Jugendgottesdienst die musikalische Grundfarbe. Und in der Anbetungszeit wird die Band zum „geistlichen Gastgeber“, nimmt die Anwesenden mit hinein in eine Gottesbegegnung. Die Band und mit ihr die Musik bekommt einen weit höheren Stellenwert. Während bei Jugendgottesdiensten die Verkündigerinnen und Prediger meist wechseln, bleibt die Band dieselbe.

 

Zumutungen und eine weitreichende Resolution

Als die Synode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg 1999 eine Schwerpunkt-Tagung zum Thema "Jugend" durchführte, wurden dort „zehn Zumutungen“ verabschiedet, die viel diskutiert wurden. Vor allem die erste Zumutung "Junge Menschen sind Teil der Kirche. Sie haben ein Recht auf jugendgemäße Gestaltung der Gottesdienste" provozierte viele zum forschen Nachfragen: "Prima – aber bedeutet das einen jugendgemäßen Gottesdienst einmal im Jahr oder einmal in der Woche?"  

Eine Jugendgottesdienst-Bewegung gewann an Boden, die ersten Jungen Gemeinden entstanden. Um die Jahrtausendwende startete der Jesustreff in einem Stuttgarter Gemeindehaus für Junge Erwachsene, damals noch mit einem Bügelbrett als Predigtpult. In Leonberg entstand wenig später eine Jugendgemeinde für Teenies, die sich damals MOC nannte. MOC stand für „More of Change“ und „Change“ war der im Kirchenbezirk an verschiedenen Orten mehrmals im Jahr stattfindende Jugendgottesdienst. Nun war der Wunsch nach mehr da – und MOC startete mit 14tägigen Jugos in einem Jugendzentrum.

Beim EJW-Konvent der Hauptamtlichen wurde „Jugendgemeinde“ um die Jahrtausendwende zum Schwerpunkt-Thema. Einige waren von den neuen „youth churches“ in der „Church of England“ begeistert.

Die EJW-Delegiertenversammlung nahm den Ball auf und verabschiedete fast einstimmig am 30.6.2001 im Bernhäuser Forst eine sehr weitgehende Resolution, die bereits „gleichberechtigte, lebensweltbezogene Jugendgemeinden“ forderte.

 

Resolution zum Thema Jugendgemeinde 2001

  1. Die Evangelische Landeskirche in Württemberg hat ihrer Jugendarbeit in beispielhafter Weise („Selbstständig – im Auftrag“) schon bisher einen besonderen Freiraum gewährt. Dafür sind wir dankbar. Heute ist ein weiterer Schritt in dieser Richtung notwendig.
  2. Wir freuen uns, dass Jugendgottesdienste Zulauf haben und sich immer mehr als neue geistliche Mitte der Jugendarbeit herauskristallisieren. Diese Entwicklung gilt es zu fördern – Jugendgottesdienste dürfen nicht nur „Einzel-Events“ sein. Neue Formen von Jugendgemeinde müssen entstehen können angesichts der gesellschaftlichen Veränderungen (Individualisierung und Pluralisierung der Lebenslagen).
  3. Das Evangelische Jugendwerk in Württemberg will „junge Menschen in ihrer Lebenswelt erreichen und für Jesus Christus gewinnen“. Durch parochiale Strukturen und die bisherige Gottesdienstkultur allein sind viele Jugendliche nicht mehr zu erreichen. Zusätzlich zur Parochialstruktur braucht es deshalb einen Freiraum, in dem in Ergänzung gleichberechtigte, lebensweltbezogene Jugendgemeinden entstehen können. Eine Vernetzung von Jugendgemeinden und Ortsgemeinden durch diakonische Projekte, missionarische Aktionen, Kirchenfestivals, große Gottesdienste und auf Leitungsebene ist für uns möglich und wünschenswert.
  4. Eine solche neue Struktur ermöglicht eine Beheimatung von jungen Menschen unter dem Dach unserer Kirche. Deshalb fordern wir, dass dies auf allen Ebenen der Landeskirche gefördert wird.

 

Dankbar wurde der besondere Freiraum herausgestellt, den die schwäbische "Mutterkirche" der eigenen Jugend und damit dem EJW schon immer gewährt hatte. Allerdings sollte dieser Freiraum jetzt deutlich erweitert werden im Blick auf die Gemeindefrage: "Zusätzlich zur Parochialstruktur braucht es einen Freiraum, in dem in Ergänzung gleichberechtigte, lebensweltbezogene Jugendgemeinden entstehen können... Eine solche neue Struktur ermöglicht eine Beheimatung von jungen Menschen unter dem Dach unserer Kirche. Wir fordern, dass dies auf allen Ebenen der Landeskirche gefördert wird."

Ob allen, die hier die Hand hoben, klar war, dass sie sich damit für eine neue Gestalt von Kirche aussprachen?

 

Unterwegs zur „mixed economy“?

Was heute in der anglikanischen Kirche als "mixed economy" Konsens geworden ist, das ergänzende Miteinander von gewachsenen Ortsgemeinden und "fresh expressions of church", ist in dieser EJW-Resolution bereits vorgezeichnet. Sie spricht sich klar für gleichberechtigte neue Formen junger Gemeinden neben den Parochien aus. Nicht wenige EJW-Hauptamtliche waren durch Fortbildungen und Studienreisen von den Entwicklungen jenseits des Kanals inspiriert.

Zunächst aber war ein Rückschlag zu verkraften. Der erste Projektantrag "Jugendgemeinde" - vorgesehen für Reutlingen - wurde am 18.12.2000 beim Oberkirchenrat eingereicht. Dieser gab grünes Licht, aber mit einer knappen Mehrheit wurde das Projekt im zuständigen synodalen Ausschuss im Frühsommer 2001 gekippt.

Die EJW-Resolution vom 30.6.2001 war eine klare Antwort darauf. Ein neuer Projektantrag, dieses Mal als "joint venture" von ejw und Stadtjugendpfarramt Stuttgart, wurde erarbeitet und sah nun gleich vier lokale Projekte vor.

Da in Württemberg alle sechs Jahre - anders als in allen andern EKD-Gliedkirchen – die Synode durch Urwahl gewählt wird, ist die Rückbindung an die Basis naturgemäß stärker. Im Frühsommer 2000 hatte sich eine neue Initiativgruppe gebildet, die als "Kirche für morgen" bei der Kirchenwahl 2001 antrat und als einen der zentralen Programmpunkte "Lebenswelt-Gemeinden" in den Wahlkampf einbrachte.

Der Wind in der Synode hatte sich bereits ein Jahr nach der Ablehnung des ersten Projektantrags gedreht. Das neue Projekt, das nun "Jugendkirchen und Jugendgemeinden" hieß, bekam im Juni 2002 vom synodalen Ausschuss „Jugend und Bildung“ grünes Licht und konnte am 1. Juli 2003 an den Start gehen. Anne Winter als EJW-Landesreferentin leitete das dreijährige Projekt. An vier Orten wurde Jugendkirche und junge Gemeinde erprobt.

 

Projekt „Jugendgemeinden und Jugendkirchen“

Immer deutlicher zeigte sich im Projektverlauf, dass das Modell Jugendkirche (in der Stuttgarter Martinskirche umgesetzt) und der Ansatz von Jugendgemeinden (vor allem in den Lokalprojekten Leonberg und Kirchheim realisiert) zwei sehr unterschiedliche Konzepte mit eigenen Stärken und Schwächen waren.

Ulrich Schwab schrieb 2006 in seinem Abschluss-Bericht (1) "Deutlicher als das vor drei Jahren für mich zu erkennen war, hat sich gezeigt, dass es zwei Wege für ein Jugendkirchenprojekt gibt. Es kann zum einen stärker auf eine verbindliche Gemeinschaftsform unter Jugendlichen drängen. Dann entwickelt sie sich [...] in Richtung auf eine Jugendgemeinde. Hierzu gehört nicht nur eine feste Organisations- und Beziehungsstruktur, sondern auch der Aufbau eines jugendlichen Gemeindebewusstseins [...] Wer dagegen stärker auf ein niederschwelliges Angebot setzt, wer Angebote für eher punktuelle oder zeitlich beschränkte Beteiligungsformen entwickeln will, wird eher auf das Konzept Jugendkirche setzen und versuchen, in einem großen Rahmen ein vielfältiges Angebot zu machen. Das ist ebenso verdienstvoll und erfordert [...] einen sehr flexiblen Einsatz der Hauptberuflichen." (Abschlussbericht S. 103).

 

Blick zurück auf das Projekt

Dass drei Jahre zu wenig sind um eine kontinuierliche Jugendgemeinde zu initiieren, war von vornherein eigentlich klar. So wurde zum Projekt-Ende hin zunehmend die Frage drängend: „Darf man Gemeindeaufbau als Projekt betreiben? Kann man nach drei Jahren das Licht ausmachen und Jugendliche wieder heimschicken?“ Wohl kaum – oder nur unter Schmerzen.

Die zwei Lokalprojekte (Leonberg, Kirchheim), die nicht bei Null beginnen mussten, liefen weiter. Sie konnten an eine bereits starke örtliche Jugendgottesdienst-Bewegung samt ehrenamtlichen Teams anknüpfen. Das Projekt in Bopfingen ("Es war für uns ein Anfang bei Null", schrieb Projektleiter Christoph Wiedenmann) konnte erste Weichen zum Aufbau einer Jugendarbeit stellen. Nachdem die Projektfinanzierung wegfiel war hier ebenso eine massive Zäsur gegeben wie bei der Stuttgarter Jugendkirche. Diese wurde danach zwischen Ostern und Pfingsten als "Jugendkirchenfestival" zeitlich begrenzt weiter geführt. Die Räumlichkeiten der ehemaligen Jugendkirche wurden das Jahr über zunächst vor allem vom Jesustreff genutzt.

 

Junge Gemeinden – auch neben dem Projekt

Als ehrenamtliche Initiative war im Jahr 2000 bereits der Jesustreff in Stuttgart als wöchentlicher Gottesdienst von jungen Erwachsenen gestartet. Er wuchs vor allem nach dem Umzug in die Jugendkirche stark an. Im Kirchenbezirk Calw hatte sich 2002 unter Federführung des Bezirksjugendwerks eine Kooperative von sieben Landgemeinden für das Projekt "Jugendkirchen und Jugendgemeinden" beworben, wurde aber nicht ausgewählt. Auf Bezirksebene wurde trotzdem eine 50%-Stelle für einen jungen Pfarrer z.A. für die Jugendgemeinde freigestellt. Eng vernetzt mit dem Projekt in Leonberg setzte die Jugendgemeinde CHOY (Church of Youth) in diesem ländlichen Raum seit 2003 Akzente.

Im Umkreis der charismatisch geprägten "Zeltstadt", von Kirche im Aufbruch seit den 90er Jahren auf der Nordalb bei Geislingen durchgeführt, entstanden örtliche Jugendgemeinden in Dettingen unter Teck, in Tamm und Reichenbach. Auch Bezirksjugendwerke starteten Initiativen um mit vierzehntägigen oder monatlichen Gottesdiensten eine geistliche Beheimatung für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schaffen, wie z.B. die Tanke in Heidenheim und „kreuz und quer“ in Waiblingen. Das „Ekkle“, das 2011 in Bad Urach an den Start ging, hatte sogar wöchentliche Jugendgottesdienste.

 

Kirchlicher Rückenwind

Zunehmend beschäftigte die Frage nach neuen Gemeindeformen auch die Synode der Landeskirche. Der Abschlussbericht des Jugendkirchen-Projektes 2006 wurde von allen synodalen Gesprächskreisen mit viel Zustimmung zur Kenntnis genommen, auch wenn sich der Beifall nicht finanziell auswirkte. Aber es wurde zumindest für weitere drei Jahre Mittel für eine weitere Begleitung der Projekte zur Verfügung gestellt. Reinhold Krebs übernahm im EJW diese Aufgabe. Damit verbunden wanderte auch der Arbeitsbereich „Jugendgottesdienste“, der bis dahin im Landesjugendpfarramt verankert war, ins Evangelische Jugendwerk in Württemberg und wurde Teil der Jugendarbeit. 

Kirchlichen Rückenwind gab zudem das EKD-Impulspapier "Kirche der Freiheit", das ab Sommer 2006 für große innerkirchliche Diskussionen sorgte. Dort wurde für das Jahr 2030 prognostiziert, dass nur noch 50% der Gemeinden klassische Parochie-Struktur haben. Das sorgte für erheblichen Wirbel und Aufsehen in kirchlichen Gremien.(2)

Mit dem Projekt ChurchNight brachte das EJW ab 2006 die Jugendarbeit und den Reformationstag am 31.10. in ein spannendes Miteinander. Bis zu 1000 Gemeinden und lokale Träger beteiligten sich bundesweit an der Kampagne, die mit dem Slogan „hell.wach.evangelisch“ warb. Lokale ChurchNights am 31.10. brachten das Thema „Reformation heute“ und „Kirche für die nächste Generation“ in die Öffentlichkeit und die kreative, geistliche verwurzelte Phantasie, die in diesen „Kirchen-Nächten“ sichtbar wurde, inspirierte auch Junge Gemeinden. Bis heute ist für viele eine ChurchNight am Reformationstag für sie Standard im Jahresprogramm.   

 

Inspiration & Vernetzung

Stück für Stück bildete sich auf regionaler Ebene ein Netzwerk von Verantwortlichen aus den jungen Gemeinden. Von Studienreisen nach London (in den Jahren 2001 bis 2003) brachten damals schon viele ein inneres Bild künftiger Kirche mit nach Württemberg. Das NetworkXXL-Camp, 2004 begonnen, brachte jährlich für dreieinhalb Tage um Pfingsten herum zwischen 100 und 400 Verantwortliche aus Jugendgottesdiensten und jungen Gemeinden (auch über die Landeskirche hinaus) miteinander ins Gespräch. Heute finden verschiedene regionale Events als networkREGIONAL statt. Die Camps wurden stark von den Impulsen anglikanischer Teams aus Sheffield und Bristol geprägt.

Wesentlich gestärkt wurde das Miteinander auf regionaler Ebene durch die Einladung zu einer „Learning Community“ (2007-2011) auf europäischer Ebene. Über ECPN, das „European Church Planting Network“ kamen die württembergischen Jugendgemeinden mit anderen geistlichen Aufbrüchen in Europa in Kontakt.

Ab 2008 entstand das EJW-Netzwerk "Junge Gemeinden" und diese Treffen von Verantwortlichen wurden zu einer wichtigen Plattform für Austausch und Ermutigung. Das 2009 bei „buch & musik“ veröffentliche Buch „Junge Gemeinden“(3) ging unter anderem daraus hervor. In 10 Thesen bezogen in dieser Publikation Gottfried Heinzmann, damaliger Leiter des EJW und Landesjugendpfarrer Bernd Wildermuth, klare Position. Überschrieben waren die bis heute lesenswerten Sätze mit „Ein Plädoyer für die konsequente Ermöglichung von Jugendgemeinden in der Landeskirche“.(4)

 

Herausforderungen: Outreach und Beteiligung

Am Anfang der Jugendgemeinden stand das starke Bedürfnis nach einer geistlichen Beheimatung junger Menschen, die in der Jugendarbeit aktiv waren. Bald aber stellen die Jungen Gemeinden fest, dass auch sie zu einem „closed shop“, zu einer geschlossenen Veranstaltung werden können. Jugendgemeinden, gerade wenn sie stark auf Gemeinschaft setzen, können ungewollt einen gewissen Abschottungs-Effekt nach außen bekommen. Die Frage nach einer neuen Öffnung, nach dem "outreach" wurde immer drängender. Wie kann eine junge Gemeinde „Salz der Erde“ sein in Schule und Alltag und als „Stadt auf dem Berg“ relevant und anziehend werden für eine junge Generation?

Zusammen mit dem European Church Planting Network, einer amerikanischen Stiftung und der EJW-Partnerorganisation Young Life konnten ab 2009 in drei Jugendgemeinden neue Stellen für Kontaktarbeit auf Schulhöfen und in den Lebenswelten Jugendlicher geschaffen werden. Offene Jugendarbeit und junge Gemeinde fanden damit zu einem herausfordernden Miteinander. Bei CHOY (Althengstett) und im Evang. Bezirksjugendwerk Kirchheim konnten diese Initiativen auch nach dem Ende der dreijährigen Projektlaufzeit durch Fördervereine und Spenden weitergeführt werden.

Eine weitere Herausforderung für Junge Gemeinden zeigt sich darin, dass ein klassisches Gottesdienst-Formate leicht zu einer geistlichen Konsum-Haltung führen kann. Eine Bibelarbeit auf Freizeiten oder in der Gruppe hieß in der Jugendarbeit immer: möglichst alle reden mit, machen sich selber Gedanken, formulieren ihren Standpunkt, sind innerlich beteiligt. Mit einem Programm von vorne geht das aber in Kirchenbänken schnell verloren bei einem klassischen Gottesdienst-Format. Wie lässt sich also der Alltag von Jugendgemeinden so gestalten, dass ein mündiges, alltagstaugliches Christsein mit Ausstrahlungskraft entsteht? Dazu, soviel ist klar, braucht es viel Beteiligung, Gespräch, Interaktion und Begegnung.

 

Auf dem Weg zu „fresh expressions of church“

Eine große Konferenz sollte die Früchte aus dem vierjährigen ECPN-Lernprozess vielen zugänglich machen. Schnell fanden sich neben EJW und den Vineyard-Gemeinschaften, die beide bei ECPN beteiligt waren, weitere Bündnispartner (IEEG Greifswald, Zentrum Mission in der Region, churchconvention, Kirchenbezirk Bernhausen). So konnte als „joint venture“ die dreitägige Konferenz „Gemeinde 2.0“[5] im März 2011 in Filderstadt durchgeführt werden. Das war in jeder Hinsicht ein spannendes Abenteuer. Aber es gelang – und rund 1000 Personen wurden u.a. durch die englischen Bischöfe Graham Cray und Stephen Croft in den Bann gezogen. „Frische Formen für die Kirche von heute“, so der Untertitel der Konferenz, begeisterten viele. Auch die württembergischen Jugendgemeinden wurde stark von der Fresh X-Theologie und –Bewegung beeinflusst.

„Gemeinde 2.0“ war zudem Inspiration für den ökumenischen Kongress Kirche2, der im Februar 2013 von der Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers und dem Bistum Hildesheim mit 1350 Teilnehmenden durchgeführt wurde. Viele der englischen Referenten, die Gemeinde 2.0 geprägt hatten, waren dort wieder zu hören, ebenso im Januar 2013 bei „Neues wagen“, einem Zukunftskongress des Gnadauer Gemeinschaftsverbands. Die Initiatoren der drei großen Kongresse trafen sich ab Anfang 2012 zu einem Runden Tisch und begannen ihre Aktivitäten zu vernetzen. Die Marke „Fresh X“ entstand. Mit Unterstützung einer amerikanischen Stiftung konnte das EJW die neue Fresh X-Bewegung in Deutschland in den nächsten Jahren koordinieren. 2017 entstand daraus der Verein „Fresh X Netzwerk e.V.“, dem heute fast 30 Landeskirchen und christliche Organisationen angehören.(6)

Was mit dem „Recht auf jugendgemäße Gestaltung der Gottesdienste“ 1999 begann, hat sich zwei Jahrzehnte später zu einer großen kirchlichen Reformbewegung verdichtet, die weit über Jugendgemeinden hinausgeht. Wie sieht eine „mission shaped church“ aus? Was ist Auftrag und Sendung der Kirche Jesu Christi in einer zunehmend säkularisierten Umwelt? Und wie sieht dann Gemeinde aus? Letztlich geht es um die Frage, die uns beim Lesen des Neuen Testament begegnet: wie kann die brotbrechende Christengemeinschaft rund um den Tisch, in der „jeder was beizutragen hat“ (1. Kor. 14,26), heute gelebt werden, so dass sie Ausstrahlungskraft hat? Welche „fresh expressions of church“ braucht es dazu, gerade auch in der Jugendarbeit?

 

Reinhold Krebs


(1) Winter, Anne (Hrsg.), Jugendkirchen und Jugendgemeinden – Abschlussberichte. Stuttgart 2006.

(2) „Geht man davon aus, dass gegenwärtig etwa 80 Prozent der Gemeinden rein parochialer Struktur sind, dass es etwa 15 Prozent Profilgemeinden (z. B. City-, Jugend- oder Kulturkirchen) gibt und nur 5 Prozent der Gemeinden auf netzwerkorientierten Angeboten beruhen (z.B. Akademiegemeinden, Tourismuskirchen, Passantengemeinden), dann sollte es ein Ziel sein, diese Proportion zu einem Verhältnis von 50 Prozent zu 25 Prozent zu 25 Prozent weiterzuentwickeln. Dabei ist vorausgesetzt, dass auch die verbleibenden 50 Prozent rein lokal orientierter Parochien ihr Gemeindeleben in erheblichem Umfang umstellen müssen“ (Kirche der Freiheit, 2006, S. 57).

(3) Büchle, Kristina; Krebs, Reinhold; Nagel, Marc (2009): Junge Gemeinden. Experiment oder Zukunftsmodell? Buch & musik, Stuttgart

(4) „Junge Gemeinden“ S. 142-147. Die 10 Thesen waren Grundlage für eine Resolution der EJW-Delegiertenversammlung am 8.5.2010. Dort hieß es u.a. „Die Kirchenleitung bitten wir... das Bild einer künftigen Kirche als gelingendes Zusammenspiel zwischen bestehenden Kirchengemeinden und sie ergänzenden geistlich-spirituellen Erfahrungsräumen weiterzuentwickeln. Das hat zur Folge, dass Rahmenbedingungen dafür geschaffen und bei der zukünftigen Ressourcenverteilung ergänzende Modelle zur Parochie berücksichtigt werden“.

(5) Hempelmann, Heinz-Peter; Herbst, Michael; Weimer, Markus (Hg.) (2011): Gemeinde 2.0: Frische Formen für die Kirche von heute. Neukirchen.

(6) Krebs, Reinhold; Rempe, Daniel (2017): Fresh X. Der Guide. Neue Gemeindeformen entdecken. SCM Witten. S. 95-122

 

 

Spenden

Evangelisches Jugendwerk in Württemberg
Haeberlinstraße 1-3
70563 Stuttgart
Fon 07 11/97 81-0

Zur Anfahrtsbeschreibung

Montag-Donnerstag:
9:00-12:30 Uhr / 13:15-16:00 Uhr
Freitag:
9:00-12:30 Uhr


Kontaktieren Sie uns gerne auch direkt:

Ansprechpartner

Arbeitsbereiche


Sie finden uns auch auf folgenden Plattformen

Wir unterstützen das EJW

Das Evangelische Jugendwerk in Württemberg (EJW) bietet als Landesstelle sinnstiftende Angebote, Veranstaltungen und Dienstleistungen für Jugendwerke in Orten und Bezirken, aber auch für Kinder, Jugendliche, Konfirmanden, junge Erwachsene, Erwachsene und Familien. Das Evangelische Jugendwerk in Württemberg (EJW) ist die Zentrale für die evangelische Jugendarbeit in Württemberg und arbeitet selbstständig im Auftrag der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.


Das Evangelische Jugendwerk Württemberg (EJW) gehört zu: